Gendoping im Sport: Ein Leben lang gedopt

In China sind angeblich genmanipulierte Kinder auf die Welt gekommen. Das hat auch Auswirkungen auf den Sport: Wie lange noch, bis es den ersten Fall von Gendoping gibt?

Die Geburt von Lulu und Nana Anfang Dezember hat die Welt in Aufregung versetzt. Wissenschaftler, Politiker, Ethiker, Religionsvertreter – alle diskutierten über die beiden chinesischen Mädchen, die angeblich ersten gentechnisch veränderten Babys der Welt. Der Biophysiker He Jiankui hatte behauptet, den Mädchen eine HIV-Resistenz implantiert zu haben. Noch nie war die Zukunftsvision eines künstlich perfektionierten Menschen so real.

Kritiker befürchten Menschen erster und zweiter Klasse, Befürworter hoffen auf die Ausmerzung schwerwiegender Krankheiten. Auch in der Sportwelt wird schon lange über das Thema gesprochen, bereits vor zehn Jahren debattierte der Sportausschuss des Deutschen Bundestags darüber. Nicht, dass es den Athleten bislang an verbotenen Möglichkeiten gemangelt hätte, ihre Leistungen zu steigern: Stimulanzien, Narkotika, anabole Wirkstoffe, Epo, Blutdoping – es gibt genügend Betrugsmöglichkeiten.

Noch kein Fall von Gendoping dokumentiert

All diese Dopingmittel haben jedoch eines gemeinsam: Ihre Wirkung verschwindet, wenn der Athlet nicht mehr für Nachschub sorgt. Gendoping ist da anders: „Gendoping würde in einigen Anwendungsformen eine dauerhafte Wirkung entfalten, die nicht, ähnlich dem Absetzen eines Medikaments, nach kurzer Zeit verschwindet“, sagt Mario Thevis, Leiter des Kölner Dopingkontrolllabors.

Dass einige Menschen bestimmte genetische Voraussetzungen haben, die ihnen bei einer erfolgreichen Sportlerkarriere behilflich sind, ist bekannt. Zwei-Meter-Basketballer steigen spielend leicht zum Korb hoch, Skilangläufer mit Blut, das überdurchschnittlich viel Sauerstoff aufnehmen kann, gleiten der Konkurrenz davon, Gewichtheber ohne Myostatin, ein Hormon, das den Muskelwuchs reguliert, können unter Umständen mehr stemmen als andere.

Liegt es da nicht nahe, mit gezielter Genmanipulation nachhelfen zu wollen?

Bislang gibt es laut Welt-Anti-Doping-Agentur Wada noch keinen dokumentierten Fall von Gendopingbetrug. Die Wada führt Gendoping bereits seit 2004 auf ihrer Verbotsliste. Methoden mit Eingriff in die Erbsubstanz oder zur Veränderung von genetischer Information zur möglichen Leistungssteigerung sind seitdem nicht erlaubt.

Wann der erste Fall auftreten wird, ist laut Experten kaum abzuschätzen. „Im Prinzip kann bereits heute Gendoping betrieben werden“, sagt Thevis: „Da aber Aufwand und Umfang der kurz- und langfristigen Vorteile sowie Risiken auch für den dopenden Sportler nicht absehbar sind, ist zumindest ein verbreiteter Missbrauch derzeit und in naher Zukunft nicht als wahrscheinlich anzusehen.“

Es gibt bereits Tests

Da sich die Wissenschaft bereits seit Jahren mit Genmanipulation beschäftigt, ist es keine Überraschung, dass bereits Testverfahren zum Gendopingachweis in vielen Wada-akkreditierten Laboren existieren. Bereits 2010 hatte der Molekularbiologe Perikles Simon ein Blut-Nachweisverfahren vorgestellt. „Der Nachweis des Gendopings ist technisch in vielerlei Hinsicht möglich“, sagt auch Thevis.

„Aber da im Gegensatz zu anderen Dopingmaßnahmen hier praktische Erkenntnisse und Erfahrungen bislang sehr limitiert sind, ist eine Einschätzung der Nachweiswahrscheinlichkeit im Missbrauchsfall schwierig“, sagt Thevis. Die Wada weist darauf hin, dass sie die Möglichkeit hat, gelagerte Proben auch noch zehn Jahre später auf Gendoping zu testen.

Die Genmanipulation soll Krankheiten beseitigen, das ist das vorrangig kommunizierte Ziel vieler Wissenschaftler, auch He Jiankui betonte das, als er an die Öffentlichkeit ging. Wie es jedoch um die gesundheitlichen Folgen von Menschen steht, die sich auf Gendoping einlassen, ist unbekannt.

„Kein Forscher kann heute sagen, was Gendoping in einem gesunden Körper auf Dauer anrichtet“, teilt die Nationale Anti-Doping-Agentur Nada mit. Thevis meint, da die gesundheitlichen Konsequenzen nur im begrenzten Umfang untersucht wurden, „muss das Gefahrenpotenzial des Gendopings als besonders hoch angesehen werden“.