Unternehmen wie der Fitness-Bike-Anbieter Peloton bringen Studioatmosphäre nach Hause. Sie bieten zusätzlich zum Fitnessgerät virtuelle Kurse.

Düsseldorf Im Winter regelmäßig Sport zu treiben ist eine Herausforderung. Wer Kälte, Schnee und Regen trotzt, wird dennoch allzu oft von Bewegung an der frischen Luft abgehalten – es ist ja nach einem normalen Bürotag draußen schon stockfinster. Und sich nach einem vollgepackten Arbeitstag aufraffen für einen Kurs im Fitnessstudio? Zum Yoga-Treff? Oder gar zu einer Spinning-Einheit in der Gruppe?

Gesundheitsbewusstsein ist ein aktueller Megatrend, aber auch das Sich-mit-anderen-Messen und der Sport in der Gruppe erleben eine Renaissance. Das alles auf einmal zu versprechen klingt fast nach Werbung fürs Überraschungsei. Aber tatsächlich gibt es mehrere Anbieter, die Sportbegeisterten genau das in Aussicht stellen – und dann auch noch, losgelöst von Schlechtwetterausreden, im eigenen Wohnzimmer.

Möglich machen das online verknüpfte Geräte, wie sie zum Beispiel das US-Unternehmen Peloton Interactive seit November auf dem deutschen Markt offeriert. Gegründet 2012, ist das einstige Start-up im vergangenen September in New York an die Börse gegangen und hat dort mehr als eine Milliarde Dollar eingesammelt, was insgesamt einer Bewertung von etwa acht Milliarden Dollar entspricht.

Im abgelaufenen Geschäftsjahr bis Ende Juni verdoppelte das Unternehmen seinen Umsatz auf 915 Millionen Dollar. Der Verlust allerdings vervierfachte sich auf 195,6 Millionen Dollar, die Aktie notiert nur wenig über dem Ausgabepreis. In den USA erlangte Peloton jedoch durch Nutzer wie den Schauspieler Hugh Jackman Prominenz. In New York sind die Bikes – versehen mit Flaschenhalter, Hanteln und Monitor – regelrecht Kult.

Das Prinzip: Die Peloton-Instruktoren, die allesamt mit ansehnlichen Muskeln, firmeneigenen engen Outfits sowie gehöriger Gabe für Animation und Show auftreten, geben in den Studios in New York und London vor echten Teilnehmern zum Beispiel Spinning-Kurse. Diese werden live auf Monitore ins heimische Wohnzimmer übertragen – und zwar samt persönlichem Feedback durch den Trainer, zu denen auch Ex-Profis wie der frühere Tour-de-France-Fahrer Christian Vande Velde gehören.

Die Trainer schwitzen und schreien nicht nur live mit. Sie feuern auch das Publikum zu Hause an, geben virtuell „High Five“ oder weisen die anderen online verbundenen Kursteilnehmer darauf hin, dass hier gerade einer seine 500. Ausfahrt absolviert.

Und zack poppen auf dem Bildschirm ähnlich wie in den sozialen Medien Affirmationen aus aller Welt auf. Alternativ lassen sich bereits aufgezeichnete Kurse „on demand“ abrufen, dann natürlich ohne promptes Feedback oder virtuelles Abklatschen.

Vor Kurzem ist Peloton auch auf den deutschen Markt gekommen:  2290 Euro kostet das Hightech-Gerät, hinzu kommt der monatliche Abo-Preis von 39 Euro. Abgerundet wird das Geschäftsmodell durch eine Fitness-Mode-Linie, die in den USA bereits von der Trainingshose über BH und Hoodies bis hin zu Stirnbändern und Goldkettchen reicht.

Was die Faszination ausmacht? „Auch wenn du allein auf dem Rad sitzt, trainierst du nicht allein“, beschreibt Deutschlandchef Martin Richter das Angebot. „Wir bringen die Studioerfahrung nach Hause, und du bist Teil einer sehr großen Community.“ „Fitness at Home“ boomt, und bei Diensten wie Instagram oder Pinterest suchen Nutzer scharenweise nach Tipps und Anleitungen für Yoga-Athletikübungen zum Nachahmen auf dem eigenen Teppich. Aber offenbar ist es vielen Fitnessbegeisterten auch sehr wichtig, gemeinsam mit anderen zu sporteln – und sich mit ihnen zu messen.

Technogym legt mit Partnern nach

Der Peloton-Wettbewerber Technogym tritt ebenfalls mit neuen Angeboten an Kundschaft zu Hause auf. Bislang ist das 1983 in Italien gegründete Unternehmen, das im Gegensatz zu Peloton längst Gewinne macht, vor allem als Dienstleister im Wellnessbereich und Ausrüster von Fitnessstudios oder gewerblichen Kunden wie Hotels bekannt.

Im Rahmen einer Neuausrichtung unter dem Motto „Wellness on the Go“ wurde die Strategie im Privatkundenbereich erweitert. Die jüngste Offerte, „Technogym Live“, umfasst nun via Cloud und App vernetze Fitnessmaschinen: Laufbänder, Rudergeräte und Cardio-Bikes, die sich mit allerhand smartem Zubehör pimpen lassen.

Auch hier gibt es Live-Fitnesskurse und Übertragungen via Monitor. In Großbritannien hat sich Technogym vor wenigen Monaten mit dem höchst populären Fitnesskurs-Anbieter 1Rebel zusammengetan, um Spinning-Kurse für zu Hause anzubieten. Außerdem können etwa Fitnessstudios und Hotels mithilfe einer Streaming-Funktion ihre eigenen Kurse aufzeichnen und wiederum ihren Kunden zur Verfügung stellen.

Allerdings kosten zum Beispiel Technogym-Bikes, die mit vergleichsweise edlem italienischem Design aufwarten, zum Teil das Doppelte und Dreifache des Peloton-Bikes. Das zeigt, wie hoch die Zahlungsbereitschaft der zumeist jungen, viel arbeitenden und nach körperlicher Ausgeglichenheit und Gesundheit lechzenden Zielgruppe eingeschätzt wird und wie attraktiv der Markt ist.

Während Peloton und Technogym die wachsende Fitnessbegeisterung und Selbstoptimierung mit technischen Innovationen und dem Trend zur Vernetzung verknüpfen, bringen Anbieter wie Zwift noch den Gaming-Aspekt ein.

Das 2014 in Kalifornien gegründete Unternehmen ist vor allem für seine virtuelle Radsportwelt bekannt und eine Art Mix aus Radtraining, Social Media und Computerspiel. Geradelt wird auf dem heimischen Rollentrainer, wobei „Zwifters“, wie sich die Mitglieder der Community nennen, die Auswahl haben zwischen ganz unterschiedlichen Herstellern und Modellen. Zwift selbst vertreibt die Software, die dem Rollentrainer die Steigungen übermittelt und die Radler untereinander vernetzt.

Alle parallel eingeloggten „Zwifters“ sind gemeinsam unterwegs in virtuellen Radsportwelten, die zum Teil Tour-de-France-Monumenten wie L’Alpe d’Huez, der WM-Strecke von Yorkshire oder dem Prolog des Giro d’Italia in Bologna nachempfunden sind. Zum Beispiel über die populäre Fitness-App Strava lassen sich auch Bestenlisten pflegen und gegenseitig Lob aussprechen.

Virtuelle Prämien für eifrige Heimsportler

Zwift hat zudem eine eigene E-Sport-Liga gegründet, für die einige Profi-Rennställe extra Teams abstellen und deren Wettbewerbe regelrechte Events sind. Fans feuern dann die Profis an, die sich in Event-Hallen auf den Geräten vor dem Monitor abstrampeln, während andere „Zwifters“ live zu Hause mitradeln.

Außerdem lassen sich Zeitfahrwettbewerbe oder Berganstiege gegen Radbegeisterte auf der ganzen Welt absolvieren – auch hier sind manchmal Profis unterwegs, die rege Zwift nutzen. Mehr als 1,5 Millionen Menschen weltweit haben bereits einen Account, wobei Deutschland der am schnellsten wachsende Markt und jetzt hinter den USA und Großbritannien auch der größte ist.

Auch der Bund Deutscher Radfahrer (BDR) hat Zwift als digitales Trainings- und Rennprogramm eingeführt und sucht gerade im Rahmen des Wettbewerbs mit dem Namen „German Cycling Academy“ nach bislang unentdeckten förderwürdigen Talenten.

Außerdem arbeitet Zwift beständig an neuen Features, die den Gaming-Faktor erhöhen: „Zwifters“ können jetzt auch Mountainbike-Strecken fahren, dazu müssen sie lenken – und zwar, indem sie ihr Handy am Lenker befestigen und ihn tatsächlich bewegen.

Außerdem hat Zwift den „Drop Shop“ eröffnet, dessen Name sich ableitet von den Schweißtropfen, die beim Sport im Wohnzimmer schnell und reichlich fließen. In diesem Shop können Nutzer sogenannte Drops gegen schicke (virtuelle) Fahrradrahmen und gegen Ausrüstung tauschen, in der sie dann wiederum für die anderen Nutzer beim Überholen auf dem Monitor sichtbar sind. Je mehr trainiert und Schweiß vergossen wird, desto mehr Drops sammeln die „Zwifters“ – desto schicker die Rahmen, die die im Profisport üblichen Räder nachbilden.

So können Sportbegeisterte ihren Idolen und sportlichen Höchstleistungen nahekommen – ganz ohne das heimische Wohnzimmer zu verlassen.